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Spinnereistr. 7 | Halle 18
04179 Leipzig
Germany

GLEISARBEITEN

Benjamin Kunath – „Gleisarbeiten“, 2023
Die künstlerische Praxis von Benjamin Kunath bewegt sich entlang von Übergängen – zwischen Beobachtung und Zeichnung, zwischen Bewegung und Struktur, zwischen Alltag und künstlerischem Denken. Seit 2014 arbeitet er im öffentlichen Nahverkehr: zunächst als Straßenbahnfahrer in Leipzig, später bei der Berliner U-Bahn. Diese Tätigkeit ist weit mehr als Broterwerb. Sie ist tief in seine Arbeit eingeschrieben – strukturiert Raum und Zeit, eröffnet Perspektiven und Rhythmen, liefert Material und prägt seine Haltung.
Im Zentrum der Ausstellung „Gleisarbeiten“ stehen Hunderte gerahmte Zeichnungen, die in Serien geordnet und blockweise präsentiert werden. Jedes Blatt – im Format DIN A4 und mit Feder in Tusche ausgeführt – ist eigenständiges Werk und zugleich Teil eines offenen, kontinuierlich wachsenden Systems. Die Arbeiten speisen sich aus einem „visuellen Alphabet“ alltäglicher Zeichen, Symbole, Wörter und Motive: Beobachtungen aus dem Fahreralltag, sprachliche Fundstücke, Erinnerungen, Fahrpläne, Wagennummern, Streckenpunkte und Ereignisse – von beiläufigen Momenten bis hin zu gesellschaftlich aufgeladenen Situationen.
Die Auswahl ist subjektiv, intuitiv und mit feinem Humor durchzogen. So entsteht ein persönliches Diagramm des Erlebten – eine mentale Kartografie, die weniger erzählt als strukturell denkt.
Ein zentrales Element ist das Verhältnis von Text und Bild. Wörter, Satzfragmente oder Notizen erscheinen nicht als Erläuterung, sondern als eigenständige visuelle Setzungen. Sie strukturieren die Fläche, setzen Impulse und rhythmisieren den Zeichenfluss. Sprache wird zur Linie, Linie zur Denkspur – Lesen und Sehen greifen ineinander.
In den Arbeiten verdichten sich soziale, politische, emotionale und topografische Geflechte. Linien werden zu gedachten Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Erinnerungen. So lassen sich die Zeichnungen als Auseinandersetzung mit Systemen verstehen – mit Stadt, öffentlichem Verkehr, Zeichnung und Gesellschaft. Doch anstatt diese analytisch zu zerlegen, durchmisst Kunath sie zeichnend – aufmerksam und tastend.
Seine Praxis bewegt sich zwischen Dokumentation und Abstraktion. Sie zielt nicht auf ein abgeschlossenes Weltbild, sondern auf das Sichtbarmachen innerer Verflechtungen – auf das Ineinandergreifen von Zeit, Raum, Sprache, Erinnerung und Bewegung.